27.03.2006; Ablauf einer 8000er-Expedition

Langsam wird es ernst. Aufbruch der Gruppe nach Namche Bazar/Syangboche am 29. Maerz. Ja, ich spuere schon ein bisschen die Aufregung aus der Magengrube hoch kriechen. Es ist wohl vor allem die Spannung – wer und wie sind die Menschen, mit denen ich die naechsten zweieinhalb Monate verbringen werde.

Die Aktivitaeten innerhalb der Expedition werden waehrend der naechsten drei Wochen kaum Anlass fuer Aufregung geben. Da geht noch alles extrem gemuetlich zu. Vermutlich ist dieser letzte Bericht vor der Expedition der geeignete Platz, einmal zu erklaeren, wie so eine 8000er-Expedition ablaeuft. Allen, die noch nicht duenne Hoehenluft geschnuppert haben, wird wohl das Verstaendnis dafuer fehlen, dass wir mehr als zwei Monate fuer diesen Berg benoetigen, und uns womoeglich dann noch fuer dieses Schneckentempo als “Helden” feiern lassen.

Nun, wie laeft das Ganze ab:
Ende Maerz startet die Expedition in Namche Bazar, dem Hauptort des Sherpa-Volkes, auf 3440 Meter Seehoehe. 11-13 Tage werden wir benoetigen, um in das 5250 Meter hoch gelegene Everest-Basislager zu gelangen. Das ist etwa die doppelte Zeit, die durchschnittliche, oft wenig trainierte Trekker fuer diese Strecke benoetigen. Wenn wir uns mal im Basislager eingerichtet haben, bleiben wir dort fast nichtstuend 5-7 Tage, ehe wir uns an den Berg heranwagen. Das hoert sich ziemlich nach einem Ausflug eines Pensionistenheims an. Warum benoetigen wir doppelt so lange wie durchschnittliche Trekker?

Der Trekker schlaeft 1-2 Naechte ueber 5000m (meist in Gorak Shep auf 5100m), besteigt den Kala Pattar (5545m), besucht vielleicht in einem Tagesausflug von Gorak Shep das Basislager. Das heisst, die Trekker muessen nicht auf 5250m und hoeher mehrere Wochen leben, und das macht den grossen Unterschied. Auch die Trekker muessen sich an Hoehen von ueber 5000m anpassen (man koennte Namche – Gorak Shep in 2-3 Tagen machen), aber die Anpassung muss nicht so behutsam sein, dass man dann etliche Wochen in grossen Hoehen verbringen kann. Angeblich wuerde es kein Mensch ueberleben, sollte er versuchen, auf Basislger-Hoehe dauerhaft zu wohnen. Nun, diese gemuetliche und langsame Wanderung durch das Sherpa-Gebiet wird sicher genuss- und abwechslungsreich. Wir werden in den Doerfern der Sherpa leben (Sherpa ist der Name des Volkes, das in der Everest-Region lebt), wir werden buddhistische Kloester besuchen und die grossartige Bergwelt geniessen. Die anschliessende etwa einwoechige Ruhezeit im Basislager werden wir aktiv verbringen, mit Wanderungen, mit Vorbereitungen fuer den Aufstieg – Rumhaengen foerdert nicht wirklich die Anpassung.

Wir werden auf der Route der Erstbesteiger (Edmund Hillary und Tenzing Norgay) aufsteigen. Diese hatten 10 Lager am Berg (Basislager + Lager I-IX). Wir werden nur fuenf Lager am Berg errichten – das Basislager (5250m), das Lager I (5900m), das Lager II (6500m), das Lager III (7300m) und das Lager IV (7900m). Niemand darf sich vorstellen, dass an den Lagerplaetzen irgendwelche Infrastruktur wie Huetten, etc. existieren. Die Lagerplaetze sind einfach guenstige Plaetze, wo man seine Zelte aufstellen kann. Dem knapp zweiwoechigen Marsch ins Basislager und der folgenden Ruhewoche im Basislager folgt der erste Aufstieg am Berg. Wir wollen zwei Naechte in Lager I und zwei bis drei in Lager II verbringen. Danach geht es wieder zurueck ins Basislager – etwa eine Woche Pause. Danach kommt der zweite Aufstieg am Berg. Diesmal soll auch zumindest eine Nacht in Lager III verbracht werden. Nun sind wir bereits auf 7300m und es sind nur noch 1500m zum Gipfel, aber das hilft alles nichts – wieder zurueck ins Basislager. Und nicht nur das! Unsere Expedition wird nun, und das macht NUR unsere Expedition, bis in das Sherpa-Dorf Deboche in 3700m Hoehe absteigen – dort wo es bereits Vegetation gibt, wo man ”dicke” Luft atmen kann und wo man auch ein Bier trinken kann. Einige Tage relaxen, dann Rueckkehr ins Basislager – Gesamtdauer des Ausflugs “in die Tiefe” etwa 8 Tage.

Und dann heist es auf einen guenstigen Wetterbericht warten – der Everest ist nur an wenigen Tagen im Jahr (nach dem Nachlassen der Jetstreams irgendwann im Mai und vor dem Eintreffen des Monsuns (Ende Mai/Anfang Juni) besteigbar. Sobald die Meteorologen gruenes Licht geben, wollen wir in 8-10 Tagen (Idealfall) vom Basislager zum Gipfel und zurueck. Im Notfall koennen wir einige Tage in Lager II warten. Weiter oben ist ein solches Warten fuer den Koerper unmoeglich, ohne dass dieser voellig kraftlos wird. Oberhalb von Lager III wollen wir unsere Atmung mit kuenstlichen Sauerstoff unterstuetzen. Die wirklich guten Bergsteiger (ca. 40 Sherpa und 40 Bergsteiger aus dem Rest der Welt) haben den Everest schon ohne Zuhilfenahme von kuenstlichen Sauerstoff geschafft (erstmals 1978 Reinhold Messner und Peter Habeler). Mit diesen Spitzenleuten wage ich mich allerdings nicht zu vergleichen.

Die Rueckkehr vom Basislger nach Kathmandu dauert im allgemeinen weniger als eine Woche. Nun, wie wird es mit meinen Berichten weitergehen? Ich selbst kann zwar Emails schreiben, aber keine Bilder versenden. Die Expedition selbst wird allerdings taeglich selbst einen Bericht in englischer Sprache samt Bildern ins Netz stellen. Diese bebilderten Berichte sind in den CURRENT CYBERCASTS auf www.alpineascents.com zu finden.

Ich werde nach Moeglichkeit weiters woechentlich einen Bericht in deutscher Sprache versenden, der dann auf jenen Webseiten erscheinen wird, auf denen auch bisher meine Berichte erschienen sind. Ich werde waehrend der Expedition per Email erreichbar sein, allerdings nicht ueber meine beiden normalen Email-Adressen.
Wer mir mailen will, muss climb@alpineascents.com anmailen und in der Betreff-Zeile “For Everest: Geri Winkler” vermerken. Die Email muss in Plain Text verfasst sein und darf keine Dateianhaenge (Attachments) enthalten, die uebertragbare Datenmenge ist noch immer recht beschraenkt.

Ich bitte um Verstaendnis, dass ich Email kaum beantworten werde koennen. Die kurze Zeit, die jeder einzelne von uns Zugang zum Computer haben wird, muss ich wohl nutzen, um meine deutschsprachigen Berichte zu verfassen. Wenn man laengere Zeit nichts von uns hoert, heists das nicht, dass etwas schief laeuft. Die meisten Ursachen fuer eine fehlende Verbindung zur Aussenwelt sind technischer Art und haben nichts mit irgendwelchen Gefahren am Berg zu tun.

Ja, das waere es mal fues Erste. Die naechsten Berichte sind dann schon auf der Expeditionsseite abrufbar – ca. ab 29. Maerz. Hinweis fuer besonders Berginteressierte: das aktuelle Geschehen am Everest (Berichte ueber alle Expeditionen) wird ausfuehrlich auf der Seite www.everestnews.com dokumentiert.


 

15.03.2006; Kisan - ein Lastenträger in Nepal

Es existiert so etwas wie Verbundenheit, wenn man sich tagelang auf demselben Weg befindet, sich immer wieder begegnet, innehaelt, ein wenig plaudert. Das ist so bei uns in den Alpen, und das ist auch hier in Nepal so.

In Nuntala, am Ende des vierten Trekking-Tages, habe ich Kisan zum ersten Mal getroffen. Ich habe ihn fuer einen Lodge-Besitzer oder den Dorflehrer oder einfach fuer den Sohn aus einer wohlhabenden Familie des Ortes gehalten. Seine offene Art, sein freundliches und doch selbstbewusstes Auftreten, sein perfektes Englisch, all dies liess mich ihn der gebildeten Oberschicht zuordnen. Aber da lag ich voellig falsch. Kisan lebt nicht in Nuntala, er ist wie ich auf dem Weg. Und wie er auf dem Weg ist!

Kisan

Seit Tagen schwanken meine Gefuehle zwischen Bewunderung und Bedauern, wenn ich sie sehe – die Helden des (Fuss-)Highways von Jiri nach Namche Bazar. Ich spreche von den Traegern, die in geflochtenen Koerben riesige Lasten ueber holprige Wege transportieren. Sie versorgen die Doerfer entlang der Route mit allen lebensnotwendigen und auch weniger notwendigen Guetern. Und sie sind selbstaendige Unternehmer. Je mehr sie auf ihren Ruecken, oder besser gesagt auf ihre Stirn laden, desto mehr verdienen sie. Die Koerbe liegen auf dem Ruecken auf und werden mittels eines Bandes, das mit der Stirn gehalten wird, getragen. Unmengen von Traegern kaempfen sich ueber die steilen Fusswege, unter ihnen auch Frauen und 12-13-jaehrige Kinder. Oft bilden sie Gruppen, die ueber die gesamte Strecke oder gleich fuer mehrere Jahre zusammenbleiben und sich gegenseitig unterstuetzen. Wie Bergsteiger in grossen Hoehen kommen sie sehr langsam, aber stetig voran. (Etwa) Hundert Schritte, dann eine Rast im Stehen. Alle Traeger fuehren einen T-foermigen Stock mit sich. Beim Gehen im teils schwierigen Gelaende hilft er ihnen, das Gleichgewicht zu halten, beim Rasten klemmen sie ihn unter den Korb und koennen so entlastet im Stehen Pause machen. Bei allen Lodges und Teehaeusern gibt es kleine Mauern, wo die Koerbe in 70-80 cm Hoehe abgestellt werden koennen. Vom Boden wuerde man diese Lasten wohl kaum in die Hoehe bringen.

Traegerlasten          Traegerlasten

Kisan lebt im kleinen Dorf Chitre, kaum eine Stunde zu Fuss von Jiri entfernt. Mit seinen 21 Jahren ist er schon verheiratet und stolzer Vater einer 16 Monate alten Tochter. Seit Jahren versorgen er und seine Freunde die Menschen der Solu Khumbu-Region mit Lebensmitteln, Kleidung, Schuhen und sogar HiFi-Geraeten. Am liebsten tragen sie ihre Lasten bis hinauf nach Namche Bazar, denn dann koennen sie pro Kilogramm den groessten Gewinn machen. Zehn Tage benoetigen sie fuer diese Strecke, fuer die ich als Trekker mit 20 kg Gepaeck 6 Tage brauche. Die Ausruestung der Traeger ist extrem duerftig. Zum einen wird reduziert, da alles getragen warden muss, zum anderen koennen sich diese Menschen keine bessere Ausruestung leisten. Alle bewaeltigen sie die schwierigen Wege in falschen Converse-Schuhen ohne Sohlen-Profil, manche muessen sich sogar mit Flip-Flop begnuegen. Wenn es moeglich ist, versuchen Kisan und seine Freunde Namche Bazar stets am Freitag zu erreichen. Denn dann koennen sie am woechentlichen Samstagsmarkt ihre Waren selbst verkaufen. Das bringt bis zu 100 Rupien pro Kilogramm an Gewinn (1 Euro = 85 Rupien). Fuer jene Waren, die sie am Markttag nicht verkaufen koennen, haben sie ein kleines Lager in Namche angelegt.

Kisan und Freunde

Gut ausgeschlafen schlendere ich zu Namches Samstagsmarkt. Da stehen sie schon, Kisan und seine Freunde, bieten ihre Waren feil, lachen, plaudern, feilschen. Diesmal hat Kisan 95 Kilogramm in das 3450 Meter hoch gelegene Namche Bazar hinauf geschleppt. Dennoch ist er nur wenige Stunden nach mir dort oben angekommen – getragen wird von den ersten Sonnenstrahlen bis zur Dunkelheit. Wenn alles optimal laeuft, koennte er so 9500 Rupien (ca. 110 Euro) Gewinn machen. Aber Gewinn ist nicht gleich Gewinn. Schliesslich muss er waehrend seiner Zwei Wochen-Tour (in drei Tagen laeuft er ohne Gepaeck nach Jiri zurueck) auch seinen Lebensunterhalt bestreiten. 350 Rupien pro Tag, wenn er diszipliniert lebt; aber manchmal hauen die Jungs gehoerig auf den Putz und dann sind gleich mal 600-700 Rupien weg (zum Vergleich: ich habe waehrend meines Trekkings gut 1000 Rupien pro Tag verbraucht, dabei aber auch eher auf den Putz gehauen). Wenn Kisan seine Waren gut in Namche Bazar anbringt und diszipliniert lebt, dann kann er nach zwei Wochen mit 4500 Rupien (ca. 53 Euro) heimkehren. Das ist viel Geld fuer einen Nepali in so kurzer Zeit und 10-12 solcher Touren kann er pro Jahr machen.

“Diesmal laufe ich nicht nach Jiri zurueck”, erklaert er mir und seine Augen leuchten auf. In Lukla wird er auf eine deutsche Trekking-Gruppe warten, fuer die er als Traeger arbeiten wird. “Das ist gutes Geld und leichte Arbeit.” 500 Rupien erhaelt er pro Tag, sogar 900, wenn er fuer sein Essen und Schlafen selbst aufkommen muss - mehr Geld als er bei seiner ueblichen Traeger-Arbeit verdienen wuerde. Zudem sind die Lasten fuer Traeger von Trekking-Gruppen auf 20-30 kg limitiert. Da fliegt man ja foermlich ueber die Wege. Nur die Kaelte, die wird Kisan zu schaffen machen. Er wird keine andere Ausruestung haben als jene, mit der er nach Namche aufgestiegen ist – kein Schlafsack, keine Decke, keine warme Bekleidung, kein solides Schuhwerk. Und mit Trekking-Gruppen muss er doch in Hoehen von ueber 5000 Metern aufsteigen. Trotzdem sieht Kisan seine Arbeit mit Touristen als absoluten Traumjob an – ein- bis zweimal pro Jahr kann er diesen Gluecksfall geniessen.

Kisan hat nur wenige Jahre die Grundschule besucht. Sein wirklich erstaunliches Englisch hat er ausschliesslich durch seine Arbeit mit Touristen erlernt. Schreiben kann er Englisch allerdings nicht. Gerne wuerde er als Trekking-Guide fix fuer eine Agentur arbeiten, aber dafuer benoetigt man nun auch schon in Nepal eine Lizenz. Auch ein halbjaehriges College in Kathmandu wuerde er gerne besuchen. Aber das kostet 18000 Rupien, mit Lebenshaltungskosten in der Hauptstadt ist er schnell bei 50000 Rupien (ca. 600 Euro) angelangt, ohne etwas in dieser Zeit zu verdienen. Solche Traeume muss er als junger Vater wohl weit, weit wegschieben. Seiner Froehlichkeit scheint dies aber keinen Abbruch zu tun. Am Ende des Markttages verstaut er seine Waren im Lager, lachend laufen er und seine Freunde hinunter nach Lukla. Ein neuer Tag – ein neues Glueck!


 

08.03.2006; Den Everest schon im Blickfeld

In vier Tagen könnte ich am Fuß des Everest stehen. Aber das will ich nicht. Alles zu seiner Zeit! Ich will das Dudh Khosi-Tal (Gokyo-Tal) und das Bhote-Tal erkunden. Beide habe ich bei meinem Aufenthalt in der Gegend vor 22 Jahren nicht kennengelernt.

In drei Tagen wandere ich über Dole und Machhermo in das 4800 Meter hoch gelegene Gokyo. Ich hätte diesen Ort in einer langen Tageswanderung erreichen können, aber dann hätte ich meine Schlafhöhe von 3400m auf 4800m erhöht, und das hätte wohl mein Körper nicht mitgespielt.

Gokyo

Die Landschaft ist großartig: die tief eingeschnittene Schlucht des Dudh Khosi, zahlreiche, noch verlassene Sommerweiden, hin und wieder eine Lodge. Rechts und links ragen die steilen Eiswände der Sechstausender in den Himmel, vor mir im Norden habe ich stets die beeindruckende Südwand des Cho Oyu vor Augen (8201m, sechsthöchster Berg der Erde). Ich bleibe zwei Tage in Gokyo. Selbst hier in 4800 Metern Höhe gibt es eine gemütliche Lodge mit heisser Dusche, gutem Essen und herrlichem Seeblick. Ich besteige den einfachen Gokyo Ri (5360m), den Hausberg von Gokyo und den etwas anspruchsvolleren Ngozumpa Tse (5553m), der direkt unter der Südwand des Cho Oyu liegt.

Cho Oyu          Mount Everesr

Von beiden Gipfeln genießt man eine großartige Aussicht auf Mount Everest, Lhotse und Nuptse, alle nur etwa 20 km entfernt. Seit bald fünf Monaten bin ich nun unterwegs. Selbst die Ruhrtage habe ich in dieser Zeit recht aktiv gestaltet. Ich bekomme auf einmal so richtig Lust, auszuspannen, rumzuhängen, viel zu essen und zu trinken und zuzunehmen (das ist nur in etwas tieferen Lagen möglich). Also auf in tiefer gelegene Gefilde! Aber nicht auf dem schnellsten Wege!

Da gibt es noch das Bhote-Tal, das ich noch nicht kenne und den wilden Renjo-Pass (5430m), über den ein selten begangener Weg ins Bhote-Tal führen soll. Mit schwerem Gepäck mache ich mich an den Aufstieg zur Pass-Höhe. Da dieser Weg heuer noch nicht begangen wurde, verliere ich immer wieder die Trittspuren, aber irgendwie finde ich dann immer wieder auf den Weg zurück. Das malerische Bhote-Tal ist erst seit vier Jahren für Fremde zugelassen. Es gibt dort nur eine einzige Lodge und die ist um diese Jahreszeit noch geschlossen. Immer wieder treffe ich hier Tibeter, die mit ihren Yak-Herden über den 5800m hohen Nangpa-Pass nach Tibet ziehen. Es wird ein langer und harter Tag, am späten Nachmittag erreiche ich das hübsche Dorf Thame. Es ist jenes Dorf, aus dem die berühmtesten Everest-Besteiger des Sherpa-Volkes stammen.

Tamserku

Ein gemütlicher Weg führt am nächsten Tag zurück nach Namche Bazar. Entlang dieses Weges finden sich die schönsten Dörfer der Khumbu-Region (Thame, Samde, Thamo, Furte) – ein letztes Highlight vor der Zeit des Wartens und Ausspannens.


 

07.03.2006; Abschied von Valentin; Warten auf die Expedition

Zeitig am nächsten Morgen heist es Abschied von Valentin nehmen. Er muss wieder zurück in die Heimat. Wir hatten eine Superzeit miteinander. Als sein Flieger von Lukla abhebt, mache ich mich auf den Weg nach Namche Bazar, dem Hauptort der Sherpa in 3450m Höhe.

Lukla          Namche Bazar

Auch hier hat sich jede Menge verändert. Komfortable Lodges, etliche Geschäfte, eine gute Bäckerei und sogar ein Internet-Café – keine wirklich günstige Option, aber was kostet die Welt, wenn man die in der Heimat Verbliebenen von seiner Tour informieren will.

Nun habe ich eine Höhe erreicht, wo ich nicht mehr einfach drauflos wandern kann. Ich könnte von hier aus in einem Tag eine Höhe von fast 5000 Metern (Gokyo) erreichen. Wollte ich dann dort schlafen, würde ich das wohl kaum überleben. Ab nun heisst es mitdenken, wie ich mir die Tage einteile.

Den Tag nach meiner Ankunft in Namche verbringe ich mit kurzen Ausflügen in der Umgebung. Und wohin zieht es mich zuerst? Hinauf nach Syangboche, dem Flughafen von Namche, der nach einem Flugzeug-Crash nur noch für Hubschrauber zugelassen ist. Hier wird am 29. März meine Expedition landen. Nun habe ich den gesamten Weg vom Toten Meer bis zu jenem Punkt, wo meine Expedition eintreffen wird, aus eigener Kraft (Fahrrad und zu Fuß) geschafft. Aber nun haben wir erst den 25. Februar. Ich werde hier sicher nicht 32 Tage warten, ich werde diese großartige Landschaft genießen. Ich streune noch durch die Dörfer Khunde und Khumjung, ehe ich nach Namche zurückkehre. Morgen soll es dann weitergehen.


 

06.03.2006; Nepaltrecking Teil 2

Der nächste Tag führt uns durch eine liebliche Landschaft hinunter ins Tal, in die Ortschaft Kinja. Dort ist gerade Markttag, alles ist auf den Beinen. Der Ort ist wohl eine Maoisten-Hochburg, überall findet man Hammer und Sichel an den Mauern. Wir wissen, was das für uns bedeutet, dennoch lassen wir uns für eine Weile in Kinja nieder – wir haben Hunger.

Es kommt, wie es kommen muss – der obligate Überfall durch die Maoisten. Zuerst kommen immer mehr Einheimische und starren uns an, während wir auf unser Essen warten. Dann bildet sich eine Gruppe von 6-7 jungen Männern, die vor unserem Essraum Aufstellung nehmen. Sie schieben eine junge Frau, offensichtlich ein Maoisten-Lehrmädchen zum Eingang – die einzige der Gruppe, die etwas Englisch spricht. Verlegen drücken sie sich vor der “dining hall” herum. Valentin und ich, in Erwartung des Mao-Überfalls, können das Lachen kaum verbeißen. “Dürfen wir hereinkommen?” Höflich sind sie, keine Frage! “Ja bitte, nehmt nur Platz!” Schweigen, lange Zeit verlegenes Lächeln in der Gruppe. Das Lehrmädchen fasst sich ein Herz und fragt: “Ihr wisst, warum wir gekommen sind?” “Ja, ihr seid Maos und braucht unsere Unterstützung für euren Kampf gegen die Regierung. Also wieviel?” Ein Hauch der Erleichterung geht durch die Gruppe, das Lehrmädchen wirkt richtig dankbar für meine Hilfe -endlich ist es ausgesprochen. Einer der arrivierteren Maos zückt beflissen seinen Quittungs-Block, auf dem bereits der Betrag von 5000 Rupies (ca. 60 Euro) vorgedruckt ist. Somit ist jeder Versuch über einen Discount zu verhandeln, zwecklos.

Alles hat seinen Preis, und 5000 Rupies kostet es eben, wenn man durch den von den Maos hier gegründeten Kleinstaat wandern will. Schließlich kann man auch nicht mit Finanzminister Grasser handeln, wenn man die Vignette für Österreichs Autobahnen erwerben will. Mit der von den Maos ausgestellten Quittung können wir nun frei durch die Gegend ziehen. Werden wir nun nochmals überfallen, brauchen wir nur das Schriftstück (“Vignette”) zu zücken und können weiterwandern. Nun ja, sehr gefährlich hat dieses Überfall-Kommando nicht gewirkt. Einfach ignorieren? Kurz kam dieser Gedanke auf. Wäre wohl nicht sehr klug gewesen. Da muss es wohl weit gefährlichere Mao-Exemplare geben, unweit von hier in Camps in den Wäldern. Nicht umsonst halten diese Truppen Nepals Armee seit Jahren in Atem, und immerhin hatte unser “Überfall-Kommando” ein Satelliten-Handy bei sich.

Lamjura-Pass          Haus am Lamjura-Pass

Erleichtert – um 60 Euro – verlassen wir das gastliche Kinja und machen uns an den 2000 Meter-Anstieg hinauf zum Lamjura-Pass in 3530m Höhe. Nein, nicht in einem Stück! Auf halbem Wege verbringen wir die Nacht im Dörfchen Sete.

Dorf Sete

Der nächste Tag (20.2.) führt uns bald heraus aus den zauberhaften Rhododendron-Wäldern hinauf auf einen neblig-windigen Bergkamm, der in einem mystisch wirkenden Wald hinauf auf die Höhe des Lamjura La führt. Hier in mehr als 3500 Metern Höhe erreichen wir das Solu Khumbu, das Kerngebiet des Sherpa-Volkes. Wer glaubt, dass Sherpa nur in großen Höhen wohnen, täuscht sich gewaltig. Innerhalb von zwei Tagen verlieren wir in stetem Auf und Ab mehr als 2000 Höhenmeter.

Am Morgen des 22. Februar erreichen wir in 1500 Metern Höhe den tiefsten Punkt unserer Wanderung, das Dudh Khosi-Tal und das liebliche Dörfchen Juving, das wieder saftig-grüne Tiefland-Atmosphäre vermittelt.

Dudh Khosi-Tal

Zwei Stunden später erreichen wir das “Autobahnkreuz” Kharikhola. Der Wanderweg teilt sich, ein kleines Holz-Schildchen hilft bei der Orientierung an diesem neuralgischen Verkehrsknotenpunkt. Links geht es nach Norden in das Everest-Gebiet, rechts nach Ost-Nepal (Arun-Tal). Am sechsten Tag unserer Wanderung erreichen Valentin und ich schon am Vormittag unser gemeinsames Ziel, das Dorf Lukla. Vor 22 Jahren war ich schon hier gewesen. Damals gab es hier drei Häuser, eine Schotterpiste, die als Runway für die Flugzeuge diente, umgeben von einem Stacheldrahtzaun, der von den Fluggästen auf einer Holzleiter zu überklettern war. Nun hat sich hier schon ein kleines Städtchen gebildet, die Runway ist asphaltiert, es gibt ein modernes Flughafengebäude und sogar einige Internet-Cafes.


 

05.03.2006; Trecking in Nepal

Was erwartet uns auf dieser 6-tägigen Wanderung von Jiri (1950m) nach Lukla (2840m) ? Ein Anstieg von 890 Metern? De facto werden wir auf dieser Strecke 8000 Höhenmeter ansteigen und 7100 Meter absteigen. Aber genau das macht den Reiz des Nepal-Trekkings aus: die hohen Pässe und tiefen Schluchten trennen hier nicht nur einzelne Dörfer, sie trennen oft auch verschiedene Völker, Kulturen, Lebensweisen und Sprachen.

Gleich hinter Jiri steigt der Weg 500 Meter an, hinauf zur ersten Passhöhe, von weitem erkennbar durch die Mani-Mauer und die im Wind wehenden Gebetsfahnen. Hier verweilen Mönche auf ihrer weiten Reise in ihre Klöster, alte Menschen auf dem Weg ins nächste Dorf und Kinder in ihren Uniformen auf ihrem 2-3-stündigen Schulweg. Sogleich geht es 600 Meter hinunter ins Tal ins hübsche Dorf Shivalaya – Mittagsrast.

Gebetsfahnen          Shivalaya

Nach einer starken Nudelsuppe wartet gleich die doppelte Portion – 1000m Anstieg – auf uns. Dort oben in 2750m Höhe, eine komplett andere Landschaft. Das Braun-Weiss der Lehmziegelhäuser hat dem Grau solider Steinhäuser Platz gemacht, das Grün saftiger Feldterrassen macht einem mystisch wirkenden, nebligen Wald Platz. Nach 600m Abstieg erreichen wir das kleine Dorf Bhandar, wo wir einen Platz für die Nacht finden.

Landschaft bei Bandhar

Welch Überraschung! Es gibt hier, wie am gesamten Weg, komfortable Lodges mit Betten in versperrbaren Räumen. Obwohl es hier keine Stromleitungen gibt, haben die Menschen durch Solarzellen für einige Stunden Strom. Die Hitze des offenen Feürs zum Kochen wird abgeleitet zum Wassertank – so gibt es sogar heisse Duschen. Wir sitzen in der warmen Küche, plaudern, nach Stunden kommt das Essen – es wird hier alles frisch zubereitet.

Entlang des Weges gibt es unzählige solcher Lodges. Und das für eine Handvoll von Touristen? Mit uns sind es gerade mal zehn in diesem Jahr. Die meisten verkürzen ihren Weg in die Everest-Region durch einen Flug nach Lukla und vermeiden auf diese Weise eine Wanderung durch Maoisten-Gebiet. Nein, da gibt es nicht nur uns Trekker, die eine Lodge benötigen. Unsere Autobahnen sind voll mit LKWs. Unser Wanderweg ist der Highway ins Sherpa-Gebiet. Unzählige Träger versorgen die Dörfer entlang der Strecke, tragen auf ihren Rücken unglaubliche Lasten von Jiri nach Namche Bazar, dem Hauptort der Sherpa. Aber das ist eine eigene Story, über die ich berichten will.


 

04.03.2006; Eindrücke in Jiri

Am Nachmittag des 17. Februar erreichen Valentin und ich Jiri, jenes Dorf am Ende der Strasse, wo ich drei Tage zuvor mein Rad habe "ausrollen" lassen.

Bis Jiri können Güter aller Art über die schon beschriebene, atemberaubende Bergstrasse transportiert werden. Östlich, nördlich und südlich von Jiri, teils mehrere hundert Kilometer weit, erstreckt sich eine dicht besiedelte Gebirgslandschaft mit unzähligen Dörfern an steilen Hängen, getrennt durch hohe Pässe und tiefe Schluchten. Diese Dörfer sind über ein dichtes Netz von Fusswegen erreichbar, vergleichbar mit den schwierigeren und vor allem steileren Wanderwegen in den Alpen. Das Gebiet ist so unzugänglich, dass sich dorthin weder Polizei noch Armee verirren. Es wird von den Maoisten kontrolliert, die seit Jahren einen erbitterten Kampf gegen die absolutistisch regierende Monarchie führen. In solchen Regionen haben sie ihr sicheres Rückzugsgebiet, von dem aus sie operieren können.

Hier in Jiri beginnt auch mein Fussweg ins Everest-Gebiet, wo meine Expedition Ende März mit dem Hubschrauber ankommen wird. Valentin hat genau sechs Tage Zeit, mich auf meinem Weg ins Everest-Gebiet zu begleiten. In Lukla, einem Dorf auf halbem Wege, gibt es einen kleinen Flugplatz, von wo aus er nach Kathmandu zurückfliegen wird.


 

01.03.2006; Trecking und Vorbereitung auf den Aufstieg

Hallo an alle nEVEREST-Interessierte,

Geri Winkler befindet sich zur Zeit auf Trecking-Touren in den Bergen Nepals, um sich auf den Beginn der Everest-Expedition vorzubereiten.

Es liegt leider noch kein Bericht im Monat März vor. Bitte benutzen Sie das Monatsarchiv auf der rechten Seite, um ältere Einträge abzurufen. Im Bildarchiv finden Sie alle Photos von den bisher zurückgelegten Stationen.

Viel Spaß wünscht Ihnen weiterhin
Ihr Team von Bayer Ascensia

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Geri Winkler

Geri Winkler
Diabetiker und Abenteurer
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Spruch des Tages

Nicht die Gastfreundschaft der Araber vergessen, wenn ich ihnen in meinem Land begegne!